Zum Inhalt:

Packende abwechslungsreiche Geschichten, jede für sich betrachtet eine tiefgründige Perle und doch Teil eines äußerst unterhaltsamen Ganzen. Ein spannendes Format, neu auf dem Markt der Literatur!

Ein Polizist auf Verbrecherjagd in der Bronx. Der Bestsellerautor Gregor Samsa träumt, ein gewisser Kafka habe über ihn geschrieben. Zwei junge Menschen, Hure und Student, begegnen sich in L.A., der »Stadt der Engel«. In Wien findet ein äußerst genialer Klavierspieler seinen Meister. Die Hüterin einer Geheimlehre gerät auf einem entlegenen Landsitz bei London in eine ausweglose Lage. Ein Fan wird nach dem Tod ihres Idols selbst zum Star. Eine japanische Zeichnung, deren Botschaft ihren Betrachter erst nach Jahrzehnten erreicht. Eine amerikanische Kleinstadt, in der ein Junge die Augen der Bewohner erlöschen sieht. Ein Ladenbesitzer, der lediglich Türen öffnet und schließt. Eine Kartografin, die nicht nur die reale Welt zu vermessen weiß – und eine Schlussgeschichte, die mit all den vorhergehenden zu tun hat.

Endstation Bronx Leseprobe

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Leseprobe Endstation Bronx
Aus der Kurzgeschichte
»Der Tropfen, der zögerlich ins Höhlenbecken fiel«
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Aus der Kurzgeschichte

»Der Tropfen, der zögerlich ins Höhlenbecken fiel«

...

Mit unbestimmtem Ziel durchstreifte ich nach dem Begräbnis die Stadt, hielt meinen unbedeckten Kopf geradewegs in den böigen Wind – ja doch, der ab und zu einsetzende heftige Regen war mir willkommen, fast als reinigte er mein Inneres und bereitete mich auf ein neues Leben vor. Ich nahm die Tram zum Opernplatz, schlenderte in der Kärntner Straße an den zahlreichen Geschäften vorbei, hielt hin und wieder vor den Auslagen, besuchte schließlich den Stephansdom, fuhr stundenlang wahllos durch die Stadt, landete am frühen Nachmittag am Schwarzenbergplatz, rannte auf einmal wie von Sinnen los, rüber zur Fontäne, blieb stehen, verharrte, rannte weiter, wandte mich stadtauswärts und kehrte schließlich in einem Lokal am unteren Belvedere zum Vespern ein.

Lange hielt ich es da nicht aus und zog weiter. Wohin es mich den Tag über auch sonst noch trieb, schließlich fand ich mich, mittlerweile ziemlich erschöpft, im 3. Bezirk vor einer Kneipe mit Biergarten wieder. Das Groschenstübl. Vor der Tür stand der Ober und rauchte. Es schien ihm nicht zu gefallen, wie ich da so unschlüssig vor seinem Lokal herumstand, und murrte: »Entweder kommen S’ rein, oder Sie verzieh’n sich.«

Ich weiß nicht, ob mein durchnässtes und zerrupftes Äußeres dazu Anlass gab oder ob er einfach nur ein schlecht gelaunter Widerling war; jedenfalls verhalf mir seine Unhöflichkeit mit einem Schlag zu einem klaren Kopf. Ich blickte auf die Uhr.

»3. Bezirk, die Stanislausgasse? Nummer 2?«, fragte ich den ungehobelten Kerl.

Vor Aufregung stolperte ich auf ihn zu und wäre fast in ein Loch mit Schlammbrühe getreten, über das zum Lokaleingang hin provisorisch zwei Holzbretter gelegt waren.

»Grad gegenüber«, entgegnete der, zog noch mal an der Zigarette und warf sie in die Gosse, wo die Glut zischend verging.

Ich stand jetzt direkt vor ihm. Bemerkte, wie abgrundtief hässlich er war, spitzes, blasses Gesicht mit dürrem Kinn und einer Raubvogelnase zwischen buschigen Augenbrauen, die über einem lippenlosen Mund kreisten, ein einziger Strich. Und doch schien er mir wie der göttliche Hermes, Mittler einer der unglaublichsten Botschaften, die mir bis dahin im Leben zuteil geworden waren. Was würde ein anderer an meiner Stelle denken? Für was würde der diese Begebenheit halten, wenn nicht für eine ausgemachte Sache des Schicksals? Ich hatte den Termin verleugnet, ignoriert, vergessen, und doch stand ich nun am Monatsersten um 14:55 Uhr – also am heutigen Tag – jenem Gebäude gegenüber, in das ich pünktlich um 15 Uhr zum Vorspielen bestellt worden war. Nein, dass ich jetzt an diesem Ort, an diesem Tag und zu dieser Uhrzeit hier punktgenau gelandet war … das konnte kein Zufall sein. Gewollt hatte ich das jedenfalls nicht.

»Zu wem will er denn in der Zwei?«

Die Frage des Obers holte mich aus meiner Verblüffung zurück.

»Soll vorspielen», sagte ich mehr zu mir selbst. Umso überraschender seine Reaktion.

»Was? Er …?«

Der Mann packte mich am Revers meines durchnässten Regenmantels.

»Der Meister nimmt keine Stümper wie dich!«, schrie er. Ich hatte das Gefühl, gleich dem Wurf des Zigarettenstummels in die Gosse zu folgen, stattdessen aber packte er mich nur noch fester und musterte mich wie ein zu vertilgendes Insekt. Sein Raubvogelgesicht, von meinem nur Zentimeter entfernt, zeigte grenzenlose Verachtung.

»Ich bin sein Schüler, du Wurm. Sein einziger!«

»Von mir aus. Ich bin nicht neugierig …«, entgegnete ich und versuchte mich aus dem Griff zu befreien.

Das gelang mir nicht, aber ich konnte nicht umhin, ihn zu fragen: »Wenn Sie der Schüler sind, warum arbeiten Sie dann hier als Schani?«

Sein Griff lockerte sich ein wenig und kurz schaute er verdutzt drein, als wäre ihm dieser merkwürdige Umstand ›angehender Starpianist als simpler Kellner‹ erstmals bewusst geworden.

»Meister Seibold meint, es … es tue meinem Spiel gut, gar eine Übung … die Finger … auf Stimmen hören …«

Ich lachte.

»Komm. – Zum Meister!«, brabbelte er mit bös funkelnden Augen, packte meinen Arm, riss mich mit sich, und als wir über die Holzplanken stolperten, versetzte er mir einen Stoß in der Absicht, dass ich in die schlammige Grube stapfte. Jedoch, der Schups verfehlte die gewünschte Wirkung, da nun der Ober aus dem Gleichgewicht geriet und statt meiner mit dem linken Fuß selbst in das knöcheltief schlammige Loch trat.

Er fluchte, zerrte mich weiter, die Straße überquerend, die Stiege zum Haus gegenüber hoch, die quietschenden Eisengitter des Aufzugs, vierte Etage … und dann standen wir beide atemlos vor einer eleganten Holztür, dem Eingang zur Wohnung – zu der dieser widerliche Greifvogel doch tatsächlich den Schlüssel besaß!

War der Schüler schon eine deftige Überraschung, stand der Lehrer ihm im Gebaren wenig nach. Als sich die Tür öffnete und den Blick ins Innere der Wohnung frei gab, erblickte ich den hageren Mann, den ich als unsren Besucher sofort wiedererkannte, völlig aufgelöst im großen Zimmer auf und ab gehen. Durcheinander die grauen halblangen Haare, fahrig sein Gang und die Gesten; ich sah, wie er jedes Mal, wenn er bei dem gedeckten Tischchen mit der Jause vorbeihetzte und bei jeder Bahn, die er zog, kurz zögerte, dabei nach einer Semmel oder dem Teegebäck greifen wollte, es sich doch stets anders überlegte.

»Meister!«, rief mein Peiniger, abermals den Griff am Arm verstärkend, als fürchtete er, ich könne ihm im letzten Moment entwischen, bevor der Meister mir höchstpersönlich mitteilte, das Ganze sei ein Irrtum und nur er, der hässliche Vogel, sei der wahre und einzige Schüler seines Herrn.

Selten habe ich ein derart erlöstes Lächeln gesehen, das nun über das Antlitz des Hageren huschte, als er sich umdrehte und unser gewahr wurde.

Er eilte auf mich zu und stellte sich als Xaver Maria Seibold vor.

»Meister Seibold«, korrigierte Josef ihn mir gegenüber.

Dies also der hochgerühmte Lehrer, der offensichtlich in banger Erwartung auf mein Erscheinen gehofft hatte, auf jemanden, der keinen Beethoven zusammenbrachte und für den Noten das Gleiche waren, als wolle einer aus gestreutem Hühnerfutter eine Melodie herauslesen. Na, nimm es als guten Gag, den du heute Abend den Leuten beim Heurigen erzählen kannst, munterte ich mich auf. Angesichts dieser beiden Irren glaubte ich mittlerweile auch nicht mehr an Schicksal, eher an einen absurden Zufall, aus dem man mit einem Quäntchen Humor bestimmt das Beste machen könnte.

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